"Deutsche Vita"
Der Sommer ist vorbei, die Blitz-Ausstellung "50 Jahre Deutsche Vita" auch - aber Material zum Stöbern gibt es noch: http://www.wdr.de/themen/kultur/2/deutsche_vita/idee/index.jhtml?rubrikenstyle=kultur
Gerstenberg - 22. Sep, 10:04
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Gerstenberg - 30. Sep, 14:04
Nochmal: Migration
Weil ich ein Mädchen bin
Sehnsucht nach Abstammung: Migrantinnen in Deutschland
Das Paar sitzt im Zug zum Flughafen. Sie ist Deutsche, er Brasilianer mit indischem Familienhintergrund, kennengelernt haben beide einander in Frankreich. Sie verstand kein Portugiesisch, er kein Deutsch, also haben sie zunächst französisch miteinander geredet. Sie sind seit fünf Jahren verheiratet, haben zwei Jahre in Brasilien gelebt, heute arbeitet der Mann als Elektroingenieur in Deutschland. Sie sind nach und nach zu Kennern der kulturellen Unterschiede geworden zwischen den Ländern und Kontinenten, ohne sich verloren zu haben in den vielfältigen Übersetzungen, mit denen sie sich auseinanderzusetzen hatten. Dieses Paar ist heute nicht mehr eine exotisch-elitäre Ausnahme inmitten großer nationaler Monokulturen, sondern eine Kombination, der man immer häufiger begegnet. Es ist eine typische Liebe in Zeiten der Globalisierung, aber auch eine Verbindung, die privilegiert ist durch Bildung, sozialen Status und Mobilität. Mit anderen Worten: Was sonst zum Problem des Nicht-Verstehens wird, ist hier eine hermeneutische Chance. Die Chance, an den Unterschieden das Unterscheiden zu lernen.
Es sind mehrere hunderttausend solcher bikultureller Paare, die in der Bundesrepublik leben, und man übertreibt kaum, wenn man sagt, daß auch durch sie und ihre Kinder das Innenmuster Deutschlands andere Farben angenommen hat. Wenn man es positiv wendet, hat der Begriff "deutsch" lebenspraktisch nun endlich jene kosmopolitische Dimension gewonnen, mit der sich der Idealismus und auch noch die frühen Propagandisten der Nationalbewegung Deutschland stets identifizierten.
Ganz anders und nun von der negativen Seite gesehen ist das Bild junger Erwachsener, die in die Verschiedenheit der Kulturen und Ansprüche hineingeboren wurden, weil ihre Eltern als Immigranten aus Italien, Ex-Jugoslawien, Griechenland oder der Türkei nach Deutschland gekommen sind, nicht zu reden von den Einwanderern, die aus Asien oder Afrika kommen. Der Fall des türkischen Mädchens Hatin Sürücü, die von ihren Brüdern ermordet wurde, weil sie sich nicht der türkischen Familienmoral fügen, sondern wie eine Deutsche leben wollte, hat neuerlich gezeigt, wie Opfer und Täter zwischen unvereinbar scheinenden Normen zermalmt werden können - und wie fassungslos die Gesellschaft auf diese Brutalisierung der Lebenswelt reagiert. Es scheint manchmal so, als tickten viele menschliche Zeitbomben, die durch Polizei und Gesetz nicht zu entschärfen sind.
Daß diese Konflikte nicht nur als deutsch-türkisch, sondern zugleich auch als männlich-weibliche Konflikte auftreten, ist insofern bezeichnend, als junge Frauen aus Migrantenfamilien sich offenbar wesentlich flexibler und erfindungsreicher zwischen solchen kulturell formulierten Ansprüchen, zwischen Re-Ethnisierung und weitgehender Assimilation bewegen als ihre Brüder - und daß es hier wiederum deutliche und durchaus überraschende Unterschiede zwischen den Herkunftsländern gibt. Um aus dem Reich der Vermutungen herauszukommen, hat die Körber-Stiftung in Hamburg jungen Frauen in interkulturellen Lebenswelten eine Tagung gewidmet. Im Mittelpunkt standen die Ergebnisse einer von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Studie über "Lebenslagen von Mädchen und jungen Frauen mit griechischem, italienischem, jugoslawischem, türkischem und Aussiedlerhintergrund". Die Untersuchung von Ursula Boos-Nünning und Yasemin Karakasoglu ist soeben im Waxmann Verlag erschienen und auch im Internet von der Website des Familienministeriums herunterzuladen. 950 Frauen zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig beantworteten 138 Fragen über Herkunft, Familie, Freundschaften, Bildung, Sexualität, Freizeit und Religion.
Bei aller Vielfalt der Antworten stach ein Muster immer wieder hervor, das deutlich werden läßt, wie anders "Integration" in Deutschland und Europa im Vergleich mit den Vereinigten Staaten aussieht. Es ist eine Art Überkreuz-Muster: Die allerwenigsten Frauen begreifen sich als "Deutsche", zugleich aber fühlen sie sich in Deutschland erklärtermaßen wohl, wollen hier leben und arbeiten. Nur zehn Prozent würden sich gern als "bikulturell" bezeichnen, aber die überwiegende Mehrheit spricht sowohl die Sprache des Herkunftslandes als auch Deutsch. Sie hätten gern einen Mann ihrer Abstammung, aber nicht einen, der noch im Heimatland lebt. Deutschland scheint eine Hülle aus Lebensbedingungen zu sein, die man schätzt und an der man tätig und loyal teilhaben will. Zugleich bleibt der individuelle Grund zurückgebunden an neu hergestellte Formen eigener Ethnizität. Und zwischen der Hülle und diesem Grund bauen sie sich ihre Bezugswelten auf - und finden ihr Schicksal gar nicht so schwer. Die Großidentifikation mit Staat oder Nation dagegen scheint gering, zentral bleibt die Familie als Bezug und Absicherung. Es scheint, als könnten die Deutschen sich in dieselbe Richtung bewegen. MICHAEL JEISMANN
Text: F.A.Z., 30.09.2005, Nr. 228 / Seite 33
Sehnsucht nach Abstammung: Migrantinnen in Deutschland
Das Paar sitzt im Zug zum Flughafen. Sie ist Deutsche, er Brasilianer mit indischem Familienhintergrund, kennengelernt haben beide einander in Frankreich. Sie verstand kein Portugiesisch, er kein Deutsch, also haben sie zunächst französisch miteinander geredet. Sie sind seit fünf Jahren verheiratet, haben zwei Jahre in Brasilien gelebt, heute arbeitet der Mann als Elektroingenieur in Deutschland. Sie sind nach und nach zu Kennern der kulturellen Unterschiede geworden zwischen den Ländern und Kontinenten, ohne sich verloren zu haben in den vielfältigen Übersetzungen, mit denen sie sich auseinanderzusetzen hatten. Dieses Paar ist heute nicht mehr eine exotisch-elitäre Ausnahme inmitten großer nationaler Monokulturen, sondern eine Kombination, der man immer häufiger begegnet. Es ist eine typische Liebe in Zeiten der Globalisierung, aber auch eine Verbindung, die privilegiert ist durch Bildung, sozialen Status und Mobilität. Mit anderen Worten: Was sonst zum Problem des Nicht-Verstehens wird, ist hier eine hermeneutische Chance. Die Chance, an den Unterschieden das Unterscheiden zu lernen.
Es sind mehrere hunderttausend solcher bikultureller Paare, die in der Bundesrepublik leben, und man übertreibt kaum, wenn man sagt, daß auch durch sie und ihre Kinder das Innenmuster Deutschlands andere Farben angenommen hat. Wenn man es positiv wendet, hat der Begriff "deutsch" lebenspraktisch nun endlich jene kosmopolitische Dimension gewonnen, mit der sich der Idealismus und auch noch die frühen Propagandisten der Nationalbewegung Deutschland stets identifizierten.
Ganz anders und nun von der negativen Seite gesehen ist das Bild junger Erwachsener, die in die Verschiedenheit der Kulturen und Ansprüche hineingeboren wurden, weil ihre Eltern als Immigranten aus Italien, Ex-Jugoslawien, Griechenland oder der Türkei nach Deutschland gekommen sind, nicht zu reden von den Einwanderern, die aus Asien oder Afrika kommen. Der Fall des türkischen Mädchens Hatin Sürücü, die von ihren Brüdern ermordet wurde, weil sie sich nicht der türkischen Familienmoral fügen, sondern wie eine Deutsche leben wollte, hat neuerlich gezeigt, wie Opfer und Täter zwischen unvereinbar scheinenden Normen zermalmt werden können - und wie fassungslos die Gesellschaft auf diese Brutalisierung der Lebenswelt reagiert. Es scheint manchmal so, als tickten viele menschliche Zeitbomben, die durch Polizei und Gesetz nicht zu entschärfen sind.
Daß diese Konflikte nicht nur als deutsch-türkisch, sondern zugleich auch als männlich-weibliche Konflikte auftreten, ist insofern bezeichnend, als junge Frauen aus Migrantenfamilien sich offenbar wesentlich flexibler und erfindungsreicher zwischen solchen kulturell formulierten Ansprüchen, zwischen Re-Ethnisierung und weitgehender Assimilation bewegen als ihre Brüder - und daß es hier wiederum deutliche und durchaus überraschende Unterschiede zwischen den Herkunftsländern gibt. Um aus dem Reich der Vermutungen herauszukommen, hat die Körber-Stiftung in Hamburg jungen Frauen in interkulturellen Lebenswelten eine Tagung gewidmet. Im Mittelpunkt standen die Ergebnisse einer von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Studie über "Lebenslagen von Mädchen und jungen Frauen mit griechischem, italienischem, jugoslawischem, türkischem und Aussiedlerhintergrund". Die Untersuchung von Ursula Boos-Nünning und Yasemin Karakasoglu ist soeben im Waxmann Verlag erschienen und auch im Internet von der Website des Familienministeriums herunterzuladen. 950 Frauen zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig beantworteten 138 Fragen über Herkunft, Familie, Freundschaften, Bildung, Sexualität, Freizeit und Religion.
Bei aller Vielfalt der Antworten stach ein Muster immer wieder hervor, das deutlich werden läßt, wie anders "Integration" in Deutschland und Europa im Vergleich mit den Vereinigten Staaten aussieht. Es ist eine Art Überkreuz-Muster: Die allerwenigsten Frauen begreifen sich als "Deutsche", zugleich aber fühlen sie sich in Deutschland erklärtermaßen wohl, wollen hier leben und arbeiten. Nur zehn Prozent würden sich gern als "bikulturell" bezeichnen, aber die überwiegende Mehrheit spricht sowohl die Sprache des Herkunftslandes als auch Deutsch. Sie hätten gern einen Mann ihrer Abstammung, aber nicht einen, der noch im Heimatland lebt. Deutschland scheint eine Hülle aus Lebensbedingungen zu sein, die man schätzt und an der man tätig und loyal teilhaben will. Zugleich bleibt der individuelle Grund zurückgebunden an neu hergestellte Formen eigener Ethnizität. Und zwischen der Hülle und diesem Grund bauen sie sich ihre Bezugswelten auf - und finden ihr Schicksal gar nicht so schwer. Die Großidentifikation mit Staat oder Nation dagegen scheint gering, zentral bleibt die Familie als Bezug und Absicherung. Es scheint, als könnten die Deutschen sich in dieselbe Richtung bewegen. MICHAEL JEISMANN
Text: F.A.Z., 30.09.2005, Nr. 228 / Seite 33
Gerstenberg - 30. Sep, 14:05
Link
hier geht es zur erwähnten Studie: http://www.bmfsfj.de/Kategorien/Forschungsnetz/forschungsberichte,did=22566.html
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